Heimkehren an die Krippe – das Kind in dir will Heimat finden
Shownotes
An Heiligabend steht in der Mitte ein Kind und auch wir kehren irgendwie an den Ort unserer Kindheit zurück. Manche ganz wörtlich, die zu ihren Elternhäusern heimkehren, andere tauchen zumindest in ihre Kindheitserinnerungen ein, die Weihnachten geweckt werden. Ein unterwegs, heimatlos geborenes Kind, weckt in den Menschen seit 2000 Jahren ein Gespür für Heimat und Geborgenheit. Es weckt die Sehnsucht nach Eintracht und Frieden. Diese Spannung möchte ich fruchtbar machen. Darin kann uns ein Sinn, eine Bedeutung aufgehen, der ich nachspüren will.
Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken kann, die weinen, wachen und wandern auf Erden. Friedrich von Bodelschwingh
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00:00:15: Kloster Flüstern.
00:00:17: Willkommen zum Podcast aus dem Kloster Drübeck.
00:00:20: Mein Name ist Stefan Wohlfahrt und ich versuche auch mit dieser Folge, meine Hörer anzuregen und neugierig zu machen auf das, was für mich christliches Büro-Talität teilsam und sinnstiftend macht.
00:00:35: Heute heimkehren an die Krippe.
00:00:42: Das Kind in dir will Heimat finden.
00:00:48: Wir nähern uns dem Christfest.
00:00:51: Kurz vor Weihnachten kommt noch mal richtig viel Bewegung auf, nicht nur weil noch schnell die letzten Einkäufe gemacht und Geschenke besorgt werden, sondern auch weil sich viele auf den Weg zu ihrer Familie oder zu Verwandten und Freunden machen.
00:01:08: Auch wenn es inzwischen möglich ist Weihnachten in der Karibik unter Palmen oder Ampul zu feiern, verbinden sich doch bei den meisten Menschen das Fest immer noch mit dem Zuhause sein.
00:01:21: Man möchte ankommen, es schön haben.
00:01:25: Und mit Heiligabend verbindet sich bei vielen ein Bild von einem schön geschmückten Weihnachtszimmer, das von Kerzen erleuchtet ist und erfüllt von guten Gerüchen.
00:01:37: Und wenn es gut läuft, sitzt man dort nicht allein, sondern mit einer halbwegs friedfertigen Familie, einem Partner, einem Menschen, der nahe ist.
00:01:46: Man beschenkt sich, bedankt sich.
00:01:49: lässt es sich gut gehen.
00:01:52: Zumindest ist das so ein immer noch herum geisterndes Idealbild, bei dem mir völlig klar ich, dass es der Realität vieler Menschen überhaupt nicht mehr entspricht.
00:02:02: Es gibt auch die anderen, die genau gegen dieses Klischee eine Aversion entwickelt haben, weil ihre Lebenssituation das nicht hergibt oder ihre Familiengeschichte ihnen solche Gefühle ausgetrieben hat.
00:02:17: Dennoch haben die meisten Menschen ein Gespür und eine Ahnung davon, dass es zu Weihnachten um Frieden, Liebe, Familie, Geborgenheit, Heimat geht.
00:02:32: Deshalb ist auch kaum jemand gern Weihnachten allein und die Einsamen haben es in diesen Tagen besonders schwer.
00:02:41: Jeder versucht es sich ein bisschen schön und stimmungsvoll zu machen.
00:02:48: Das Weihnachtsfest gibt also immer noch vielen ein Stück innerer Heimat oder zumindest eine Sehnsucht danach.
00:02:58: Weihnachten ist ein Stück Heimat.
00:03:01: Da können viele sicher zustimmen.
00:03:06: Bezeichnenderweise steht das aber erst mal in krassen Widerspruch zu der Ursprungsgeschichte von Weihnachten.
00:03:12: Auch wenn diese gern romantisiert wird.
00:03:17: Dort stoßen wir nicht eben auf viel Gemütlichkeit und Geborgenheit.
00:03:22: Maria und Josef finden gerade keine Herberge, kein behaglichen, schön hergerichteten Raum.
00:03:30: Auch wenn die Krippen sehen, dass immer so anmutig lieblich darstellen.
00:03:36: Es bleibt ein dürftiger Stall und es rocht dort bestimmt eher nach Mist als nach Ganz- oder Lebkuchen.
00:03:46: Das Erstaunliche an dieser Geschichte Ein unterwegs heimatlos geborenes Kind weckt in den Menschen seit zweitausend Jahren ein Gespür für Heimat und Geborgenheit.
00:04:00: Es weckt die Sehnsucht nach Eintracht und Frieden.
00:04:04: Diese Spannung möchte ich fruchtbar machen.
00:04:06: Darin kann uns einen Sinn, eine Bedeutung aufgehen, der ich nachspüren will.
00:04:15: Ein heilig Abend steht in der Mitte ein Kind.
00:04:19: Und auch wir kehren irgendwie an den Ort unserer Kindheit zurück.
00:04:24: Manche ganz wörtlich, die zu ihren Elternhäusern heimkehren, andere tauchen zumindestens in ihre Kindheitserinnerung ein.
00:04:34: Elternhäuser sind ja nicht per se Orte ungetrübter Geborgenheit und liebe.
00:04:39: oft sind sie mit sehr ambivalenten Erinnerungen behaftet.
00:04:43: Vielleicht klingt neben anheimelnden Düften und Klängen auch belastendes, unbereinigtes und unausgesöhntes mit.
00:04:55: Der Dichter Franz Kafka beschreibt diese sehr ambivalente Gefühl des Heimkommens in seiner Parabelheimkehr.
00:05:08: Ich bin zurückgekehrt.
00:05:11: Ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um.
00:05:17: Es ist meines Vaters alter Hof.
00:05:20: Die Fütze in der Mitte Altes, unbrauchbares Gerät ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe.
00:05:29: Die Katze lauert auf dem Gelände.
00:05:33: Ich bin angekommen.
00:05:36: Wer wird mich empfangen, wer wartet hinter der Tür, der Küche?
00:05:41: Rauch, kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht.
00:05:48: Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?
00:05:52: Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher.
00:05:56: Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte.
00:06:13: Und ich wage nicht an die Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich.
00:06:21: Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts nur einen leichten Ohrenschlag.
00:06:28: Oder glaube ich, ihn vielleicht nur zu hören, Herr Rüber aus den Kindertagen?
00:06:34: Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.
00:06:40: Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte?
00:06:48: Wäre ich da nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis warn will?
00:06:59: Soweit Franz Kafka heimkehren.
00:07:02: in etwas Fremdvertrautes.
00:07:06: Und es ist nicht klar, wer hier wem Fremd geworden ist und wie viel Vertrautes da eigentlich noch spürbar ist.
00:07:14: Auf eine ganz andere Heimkehrgeschichte lohnt hier auch der Blick.
00:07:18: Es ist die, die Jesus später vom verlorenen Sohn erzählen wird, der als ein gescheiteter, gestrandeter Heimkehrt.
00:07:29: Und hier befreit in diesem Heim kommt die vorbehaltlose Güte und Freude des Vaters über die Heimkehr des Sohnes, diese befreit den Sohn von allen Zweifeln und Schuldgefühlen.
00:07:42: Sie lässt ihn ganz ankommen, ganz in der Umarmung, in der großen Umarmung aufgehen, in der alles Schwere gehalten und weggenommen wird.
00:07:54: Und diese Geschichte nimmt unsere Sehnsucht nach Heimkehr in einen Raum vollkommener Annahme und Geborgenheit auf.
00:08:07: Nun kehren wir wieder zur Weihnachtsgeschichte zurück.
00:08:10: Auch sie kann für uns zu einer Heimkehrgeschichte werden.
00:08:15: Und das hat vor allem mit dem Kind zu tun.
00:08:18: Vor einigen Jahren kam ein Buch der Psychotherapiebeutin Stefanie Stahl auf den Markt mit dem Titel, das Kind in dir muss Heimat finden.
00:08:30: Das war da ein Bestseller, hat unglaublich viele Menschen angesprochen.
00:08:35: Unsere Sehnsucht nach Heimat hat viel mit unserer Kindheit und unserem inneren Kind zu tun.
00:08:41: Bei dem inneren Kind handelt es sich um ein therapeutisches Konzept.
00:08:45: Dabei geht es um den eher unbewussten Bereich unserer Seele und Psyche, in dem unsere kindliche Welt liegt.
00:08:54: Das, was davor noch vorhanden ist.
00:08:56: Dieser Teil beeinflusst unsere Empfindungen, Entscheidungen, Verhaltensweisen.
00:09:02: Ins Erwachsenenalter hinein.
00:09:04: viel mehr als uns bewusst ist.
00:09:07: Und das Kind in der Krippe erzeugt hier einen Widerhall, ist ein anziehendes Gegenüber, ein Symbol für dieses innere Kind.
00:09:20: Das bedrohte und zugleich wunderbar geschützte und geborgenen Kind in der Krippe rührt uns in unserer Verletzlichkeit an, die ja mit eigenen Kindheitserfahrungen korrespondiert, auch wenn wir uns dessen oft gar nicht so bewusst sind.
00:09:36: In jedem von uns will ein Kind geschützt, geborgen und heimgebracht werden.
00:09:43: Und wenn ein Kind ankommt, wird es in der Regel immer als Segen betrachtet.
00:09:47: Es bringt den Zauber des Neubegins.
00:09:50: Es ist ein noch völlig unbeschriebenes Blatt und zugleich mit einem Potenzial an Möglichkeiten ausgestattet, das wir gar nicht ermessen können, das uns ins Träumen und Sinnen bringt.
00:10:04: Es ist eigenartig, dass viele Menschen von dem Jesuskind angerührt sind, vielleicht ist es auch gar nicht so eigenartig, während sie mit dem erwachsenen Jesus, der das Evangelium verkündet, wenig anfangen können.
00:10:18: Das Christkind scheint beliebter zu sein als der Rabbi und Messias Jesus.
00:10:24: Man kann sich ihm unkompliziert nähern.
00:10:27: Der Weg zu einem Säugling ist zugängig und unverbaut.
00:10:32: Oft reicht es, ein Baby zu schaukeln, es auf den Arm zu nehmen, es zu füttern, zu Liebkosen anzulächeln, um in Beziehung zu treten.
00:10:41: Das ist mit Erwachsenen schon etwas komplexer.
00:10:45: Vielleicht ist Weihnachten deshalb so volkstümlich und viel beliebter als Ostern, weil ein Neugeborenes eine neue Zukunft eröffnen, an der wir gern teilhaben möchten, die uns Berühr träumen lässt, mitnimmt.
00:11:00: Säuglinge bewirken in uns etwas... Lösendes, Öffnendes.
00:11:05: Sie sprechen uns direkt auf der Ebene des Herzens und der Emotionen an.
00:11:10: Nicht ohne Grund strahlen einige Weihnachtslieder so eine Innigkeit aus, weil das Kind in der Krippe des Herz anrührt und wie ein Weichmacher auf unsere verhärteten Muster wirkt.
00:11:24: Schon das Neugeborene wird in der Bibel Erlöser, Retter und Highland genannt.
00:11:30: Wenn ich ihm Geister an der Krippe anbetend das Kniebeuge und das Kind froh betrachte, wie das in einem Lied ihr Kinderlein kommend besungen wird, dann wird mir bewusst, dass es auch bei mir etwas zu retten, zu erlösen, zu heilen gilt.
00:11:48: Wer das nicht spürt, wird die Krippe mit dem Kind durchaus dekorativ rührend erbaulich finden, doch wird er mit leeren Händen weiterziehen.
00:12:00: Gerade in dieser Spannung zwischen Schutzlosigkeit und Behütetsein, durch Engel spricht das Kind unsere Sehnsucht nach Geborgenheit an und auch die Besucher an der Krippe tragen zu dieser Anziehung bei.
00:12:15: Die Armut der Hürten bekommt Glanz und Würde, dass sie durch die Engel als auserwählte Zeugen der Menschwertung Gottes zum Stall gerufen werden.
00:12:27: Die Vornehmheit und Weisheit der Weisen wird an der Grippe etwas geerdet und ernüchtert.
00:12:35: Das Ziel ihrer Sehnsucht zeigt sich in Armut und Schutzlosigkeit.
00:12:40: Das Kind gibt eben jedem, was er, was sie braucht.
00:12:46: Alles ist ärmlich und dürftig, aber alle, die zur Grippe kommen, wissen sich reich, beschenkt.
00:12:54: Es erhebt die Niedrigen und erniedrigt die Vornehmen, so hat es Maria bei Elisabeth in ihrem Lobgesang zum Ausdruck gebracht, der Magnifikat.
00:13:05: Jeder findet an der Krippe sein Platz.
00:13:10: Jeder findet das Gegenüber, das sie braucht.
00:13:13: Das Kind ist der Schlüssel zum Herzen der Menschen.
00:13:17: Und später wird Jesus sagen, wenn ihr nicht umkehrt und werdet für die Kinder, bleibt euch das Himmelreich verschlossen.
00:13:26: Und der Apostel Paulus wird den Christen später zurufen, ihr habt ein Geist der Kindschaft empfangen, indem wir rufen, aber, lieber Vater, Gott hat den Geist Seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, den Geist, der der ruft, aber, Vater.
00:13:49: In dem wunderbaren Gleichnis vom verlorenen Sohn Nimmt uns Jesus mit hinein in dieses Ankommen und Heimkommen in die Arme des Vaters.
00:14:01: Er zeichnet uns dieses zärtliche Bild voll Großzügigkeit und Wohlwollen von den offenen Armen und der innigen Umarmung.
00:14:12: Rembrandt hat in seinem berühmten Bild von der Heimkehr des Sohnes viel von dieser Umarmung erfasst.
00:14:21: Nämlich er hat erfasst, dass hier auch eine tiefe mütterliche Seite mitschwingt, indem er die auf dem Rücken des sohnesruhenden Hände in besonderer Weise darstellt.
00:14:30: Die eine Hand ist nämlich ermännlich, breit, kräftig.
00:14:35: Die andere Hand wirkt feminin, fein, zierlich.
00:14:43: Diese Geschichte, die in unzähligen Bildern und Varianten Ausdruck findet, berührt eine tiefe Sehensucht in uns.
00:14:51: Zugleich zeigt uns das Bild auch.
00:14:54: Ankommen und Heimkommen werden wir nur, wenn wir einen Ort an Gegenüber finden, wo wir unsere aufgebauten Fasaden, Schutzschichten und Verkrustungen ablegen können.
00:15:07: Wenn wir klein und bloß werden, im Licht der Güte Gottes, im Glanz seiner Barmherzigkeit, wie sie uns in der Christnacht entgegenleuchtet, dort wird es möglich.
00:15:19: Der verlorene Sohn wirft sich in seiner ganzen Armut mit seinem Scheitern, seiner Scham, aber auch mit seinem ganzen Vertrauen in die Arme des Vaters.
00:15:31: Irgendwie sind wir doch alle solche verlorenen Kinder, die gefunden werden wollen, die heimkehren möchten, die nach stillender und bergender Umarmung suchen.
00:15:44: Mancher will es vielleicht nicht wahrhaben, aber jeder Mensch lebt mit seinen eigenen Verlorenheiten, den blinden Flecken und der Sehnsucht gesehen und gefunden zu werden, und herausgelöst zu werden, aus dem, was uns festmacht und was uns hindert, aufzubrechen.
00:16:07: Die Hürden sind dem Ruf der Engel gefolgt, und die weisen dem Stern der Sehnsucht.
00:16:14: Sie alle haben das Kind gefunden und spüren zugleich, dass sie selbstgefundene sind.
00:16:21: So wird dieses Fest der Weihnacht für alle eine Einladung zum Ankommen und Heimkehren.
00:16:28: Das Kind schließt die Tür zum Vaterhaus aus.
00:16:32: Heute schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradise.
00:16:36: So heißt es in einem bekannten Weihnachtslied.
00:16:41: Mir gefällt der Begriff Vaterhaus besser als der etwas diffuse Begriff Paradies, weil er auf eine Beziehung hinweist.
00:16:50: Wir sind aus Gottesmutter Schoß gekommen und sind auf dem Weg in sein Vaterhaus.
00:16:56: Manchmal halten wir in einem von Leben erfüllten und von Liebe gesättigten Augenblick bereits Rast darin.
00:17:05: Jedes Christfest kann so eine Einkehr, einen Rast halten, bei der Krippe und einer Erinnerung an das größere Zuhause sein, wo wir selbst ganz.
00:17:20: Kind sein werden.
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